Ausstellung „Das Herz zum Schlagen bringen“

Samstag, 09.09. - Sonntag, 17.09.

im Hotel Goldenere Anker, Mittelstraße, Bad Neuenahr

 

Beispiele für Neugestaltungen wichtiger Orte.

Es stellen aus:

- Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Erhalt alte Substanz/ neue Nutzung/ gelungene Ergänzungen

- Max Dudler, Berliner Architekt: Hambacher Schloss und andere ergänzende Neubauten

- Bauzeitung/ Metamorphosen: Beispiele aus der Redaktion

- Entwürfe des großen Neuenahrer Architekturwettbewerbs von 1927 mit Erläuterungen einer Kunsthistorikerin, was daran modern und besonders war.

Rückschau auf die Eröffnung der Ausstellung zum TOFF 2017

 

Viel Wertschätzung und hitzige Debatten

 

Veranstaltung zum „Tag des offenen Denkmals“ sorgt für erregte Gemüter. Ausstellung noch bis Sonntag, den 17.09. im Goldenen Anker, Bad Neuenahr.

 

 

 

Bad Neuenahr. „Ihre BI“, so ein Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung, „hat bereits manche Architekturdiskussion in der Stadt angeregt.“ Solche Worte gingen den Machern der BI runter wie Öl, denn das ist ihr Ziel, kritisch-konstruktiv zu schauen, wie Ortsbilder in der Stadt gestaltet werden und die Ortsteile lebenswert bleiben.

 

 

 

Auch die derzeitige Ausstellung „Das Herz zum Schlagen bringen“, soll zu einer Auseinandersetzung mit der Neugestaltung des Kurparks anregen. In der Diskussion ist in diesen Tagen der Abriss von Trink-/ Konzerthalle, Wandelgang und Ehrenhof, sowie die Kolonnaden. „Wie kann dieses Projekt gelingen? Uns alle bereichern? Und das Herz des Bades wieder gut zum Schlagen bringen?“ fragte Frauke Zahl aus dem Leitungsteam bei der Eröffnung der Ausstellung, zu der auch Vertreter der Fraktionen, der Stadtverwaltung und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz erschienen waren. Antworten auf ihre Fragen gaben zwei renommierte Fachleute der Architekturszene, die sich in Vorträgen mit der Thematik der Umgestaltung der Kurparkliegenschaften auseinandersetzten.

 

Andreas Denk, Architekturhistoriker und Professor der TH-Köln, lud zu einem kritischen (virtuellen) Rundgang durch die Anlagen ein, in denen er das Potential dieser leichten und lichten Architektur der Dreißiger hervorhob. Unbedingt erhalten – so sein Credo. Hier gehe sonst ein bedeutendes Stück Heimat und Einzigartigkeit, weil durchdachte Architektur, die bis heute funktioniert, verloren. Diese Bauten seien nicht einfach so mal eben zu ersetzen.

 

Dominik Jörg, Architekt aus Bonn, würde gerne eine Neugestaltung in ein erkennbares Gesamtkonzept eingebettet wissen: „Ich erlebe die Bauten des Kurbezirks unvermittelt nebeneinander, aber kein Miteinander. Wo ist das Gesamtkonzept, das dieses Herz des Bades zusammenhält, zusammenschließt?“

 

Die sich anschließende, durchaus hitzige Diskussion, legte die unterschiedlichen Positionen innerhalb der Bürgerschaft offen, die hauptsächlich um die Möglichkeiten des Erhalts kreisten. „Es gibt noch viele offene Fragen rund um die Neugestaltung“, so das Resümee des Leitungsteams der BI „und wir möchten auch noch weiterhin gute und fachliche Impulse setzen.“

 

Einen solchen setzt derzeit bereits die Ausstellung, die die BI zusammengetragen hat. Sie lenkt den Blick über den Tellerrand und fragt: wie haben andere Städte eine solche Umgestaltung gestemmt? Solche Baubeispiele stellten eigens der BI zur Verfügung:

 

der international anerkannte Architekt Max Dudler, eine Koryphäe, wenn es um´s Bauen im Bestand geht; die „db“ (deutsche bauzeitung), die ein gelungenes Beispiel für Umgestaltung einreichte; die Deutsche Stiftung Denkmalschutz – sie zeigt vor allem gelungene Sanierung aus der Bauzeit der Neuenahrer Kurparkliegenschaften. Und auch drei eingereichte Entwürfe von 1927 werden kommentiert präsentiert.

 

Thema „Kurgarten“ interessiert Fachleute

 

Die renommierte Fachzeischrift „Deutsche Bauzeitung“ veröffentlicht in ihrer Märzausgabe einen umfangreichen Artikel zu den Abrissplänen der Kurgartenanlagen:
www.db-bauzeitung.de/db-metamorphose/freiwillige-amputation/

 

 

 

Unter dem Titel „Freiwillige Amputation“ reißt die Autorin kurz die Geschichte der Anlagen an und verweist auf ihre Bedeutung als konstituierende Bestandteile der Denkmalzone.
Fassungslos kommentiert Claudia Hildner die Abrisspläne der Stadt, als heutiger Eigentümerin der Anlagen, und bezieht Stellung zum Gutachten Geerd Dahms, das bereits zum Bürgerbeteiligungsverfahren vorgelegen hat.

 

Sie vermisst im derzeitigen Vorgehen mangelndes Interesse an Sanierung, Erhalt und Teilerhalt und bedauert: „1927 wurde ein Wettbewerb ausgerufen, um das Beste für Bad Neuenahr herauszuholen. Das Ergebnis soll nun zerstört werden, um auf die Schnelle und mit wenig Aufwand eine Lösung zu finden, die v.a. möglichen Investoren gerecht werden soll“.

 

 

 

Die Deutsche Bauzeitung (heute db deutsche bauzeitung) widmet sich seit 150 Jahren dem Thema Architektur. Sie ist damit Deutschlands älteste Fachzeitschrift für Architekten, Planer und Bauingenieure. Sie filtert die relevanten Themen des Baugeschehens, liefert Hintergrundwissen, hinterfragt kritisch, bezieht Stellung und leistet so einen wesentlichen Beitrag zur fachlich fundierten Architekturdiskussion.

 

Positionspapier „Kurgarten“

 

 

 

In diesen Tagen geschieht sehr viel rund um die Kuranlagen. Die Stadt möchte den Kurgarten neu gestalten. Dies sowohl aus der Notwendigkeit heraus, dass ohnehin eine Sanierung der Gebäude ansteht, und mit Blick auf die LaGa.

 

Wir, das Leitungsteam, wurden, auch aus eigenen Reihen, häufig nach unserer Meinung und weiterem Vorgehen gefragt. Hierüber möchten wir Sie gerne informieren.

 

 

 

 

 

- Um welche Gebäude
dreht es sich?

 

Im Fokus stehen die Bauten vis a vis des Badehauses, die den Kurgarten zur Kurgartenstraße hin begrenzen:
- Kolonnaden/ Geschäfte,

 

- Konzerthalle,

 

- kleine Trinkhalle,

 

- heutiger Lesesaal/ früher Ehrenhof,

 

- Wandelgang, Kurgartencafe.

 

 

 

 

 

- Warum?

 

Die Bausubstanz ist „in die Jahre gekommen“, Modernisierungen stehen an.

 

Die Räumlichkeiten werden heute anders genutzt, als zur Zeit ihrer Erbauung:

 

Kur hat sich verändert, auch der Park wird heute anders „bespielt“.

 

Die BI sieht die Notwendigkeit der Modernisierung, möchte aber auch Wert der historischen Bausubstanz prüfen und im Zweifel erhalten!

 

 

 

- Was kann man baugeschichtlich sagen?

 

Es gab 1927 eine große Ausschreibung der Kur AG. Sie fiel zusammen mit einer grundlegenden Umgestaltung des Kurgartenbereichs: die alte gusseiserne Trinkhalle und der Wandelgang wurden entfernt, die Oberstraße verlegt (daher der Knick), um den Bereich der kurrelevanten Einrichtungen (Quellen, Wasserausgabe, Park) zu einer Einheit zusammenzufassen, und modern und kühn neuzugestalten.

 

Es ging eine Flut von 289 Entwürfen ein.

 

Als Preisrichter wurde die Avantgarde der deutschen Architekturszene der 20ger gewonnen: der renommierte Stadtbaurat Ernst May (Frankfurt) – ein exquisiter Stadtplaner, der dem „Neuen Bauen“ zugetan war und der angesehene Regierungsbaumeister Eugen Fabricius (Köln).

 

 

 

„Gewinner“ wurde Hermann Weiser, ein Meisterschüler des Architekten und Mitbegründer des Werkbundes Peter Behrens, seinerseits sicher „der große Vertreter und Vorreiter“ der neuen sachlichen Stilrichtung in Architektur, aber auch Gewerbe- und Industriedesign.

 

Daher entspricht der Stil der Bauwerke auch der „Neuen Sachlichkeit“.

 

Die Gebäude wurden ab 1933 errichtet und dann immer wieder verändert.
Das ganze Ensemble steht nach wie vor unter Denkmalschutz. Erhalten werden soll aber nur die drehbare Konzertmuschel.

 

 

 

 

 

- Bewertung und Einschätzung der BI

 

Bauliche Bewertung

 

-          Die Kolonnaden sind heute ganz gewiss „runtergewirtschaftet“ und bedürfen, wenn man dort wieder Geschäfte ansiedeln will, grundlegender Sanierung.
Hier ist ein Neubau sicherlich denkbar.

 

-          Das Kurgartencafe hat sich in den Wandelgang in den 70gern hineingeschoben und zerstört dessen Verlauf um den ganzen Platz herum.
Es muss rückgebaut werden, um das Gesamtensemble wiederherzustellen.

 

-          Kleine Trinkhalle und Lesesaal sind in den 50gern dazugebaut oder verändert worden.

 

-          Konzerthalle ist in sich auch stark verändert worden, aber wiederherstellbar.

 

-          Nach Rücksprache mit diversen Kunsthistorikern ist das Ensemble einzigartig und absolut schützenswert. Bauliche Mängel, Veränderungen und Verfallserscheinigungen, vor allem in der Stahlbetonkonstruktion, sind heutzutage auch im denkmalpflegerischen Sinn zu beheben und eine energetische Sanierung machbar.

 

 

 

Bewertung Architekt und Jury

 

-          Hermann Weiser war sicherlich auf seine Weise eine tragische Gestalt. Hervorragender Architekt, Behrensmeisterschüler, sehr erfolgreich in den ersten Jahren seines Wirkens, hat er den Knick, den das Naziregime seiner Karriere brachte, nie ganz verkraftet.
Nichtsdestoweniger sind seine Werke beredtes Zeugnis der „neuen Sachlichkeit“ und absolut erhaltenswert.

 

 

 

-          Dass die Jury mit den o.g. hochkarätigen Architekten besetzt war, ist einzigartig und schon in sichein Grund, sich umso intensiver für den Erhalt der Anlage einzusetzen. Die Auswahl der Jurymitglieder ist Zeugnis für eine fortschrittliche, zukunftsgewandte, moderne Ausrichtung des Bades.
Natürlich darf genauso auch die Verwaltung heute agieren – aber in diesem Fall sollte sie unbedingt die aus dem Wettbewerb erwachsenen Anlagen und Gebäude würdigen, erhalten und geschickt in eine zeitgemäße Gestaltung einbinden.

 

 

 

- Was möchten wir erreichen?

 

-          Eine sensible und fachlich fundierte Würdigung der historischen Bausubstanz als baukulturelles Erbe und geschichtliches Zeugnis des Bades.

 

-          Eine saubere Lösung aus einer selbstbewussten Haltung heraus, die das Alte würdigt und gut in das Neue integriert (und nicht in vorauseilendem Gehorsam einem imaginären Investor gegenüber alles beseitigen).

 

 

 

Die BI stellt sich prinzipiell nicht gegen Neubauten.

 

Sie möchte aber das Erbe gewürdigt und einbezogen wissen: keine Zukunft ohne Herkunft.

 

Sie möchte Neues aus dem Geist der Geschichte heraus gestalten, so dass Kontinuität herrscht und sensibel weiterentwickelt wird (statt Brüche) und ein rundes Ganzes wächst.

 

 

 

Im Rahmen der Neuplanung können wir uns gut vorstellen,

 

-          dass die Konzerthalle inklusive Konzertmuschel und der Zugang (Gang von heutigem Eingang) erhalten bleiben. Dies umso mehr, da bereits heute, seit die Heilbadgesellschaft die Gebäude betreut, der Konzertsaal zur „Bürgerhalle“ für den Ortsteil Neuenahr geworden ist.
Die neuen Pläne der Stadt sehen jedoch nur eine sehr viel kleinere Lösung vor.

 

-          dass der Ehrenhof/ heute Lesesaal wieder geöffnet wird (wurde 1957 überdacht) und der Wandelgang wiederhergestellt wird.

 

-          dass notwendige bauliche Veränderungen dem Geist der „Neuen Sachlichkeit“ folgen und sich an den Vorgaben Weisers orientieren.

 

-          dass gleichzeitig eine Neugestaltung der Kurgartenstraße erfolgt, diese „entrümpelt“ wird und vor dem Entree zum Kurgarten ein großer Platz (mit der Brunnenschale, die heute vor dem Badehaus steht oder dem Kniel´schen Vier-Elementebrunnen) entsteht und der Straße somit eine eigene Mitte gibt.

 

zugleich hinterfragen wir,

 

-          ob eine zweigeschossige (plus Staffelgeschoß!) Neugestaltung der Kolonnaden in dieser Größenordnung überhaupt sinnvoll und konstruktiv ist.

 

-          ob so die Kurgartenstraße nicht ihre Großzügigkeit verliert und zu einer Straßenschlucht wird und inwieweit sie nicht sogar das Erbe Lennés beeinträchtigt und sogar zerstört.

 

-          ob die Frage der Nutzung nicht in ein gesamtstädtisches (Wirtschafts-) Konzept eingebunden werden muss und inwieweit heute noch dem „klassischen“ Konzept Läden und Kaufen alternativlos zu folgen ist. Gibt es nicht innovative, andere Nutzungen um Gäste in diesen Bereich zu locken?

 

 

 

suchen wir nach guten Antworten,

 

-          wie wir erreichen können, dass das Erbe Lennés und Weisers als „Pfund“ und Wettbewerbsvorteil gesehen werden und eine entsprechende Würdigung erhalten.
2018: Europäisches Jahr des Kulturerbes
2019: 100 Jahre Bauhaus
2022: Landesgartenschau

 

-          wie Peter Joseph Lenné und Hermann Weiser heute gestalten würden?
Nach Sichtung des Vorhandenen, stellt sich die Frage: welche grundlegenden Prinzipien, welche Weltsicht und welches Bild von Mensch und Natur liegt ihrem Wirken zugrunde? Und wie würden sie es heute umsetzen?

 

Das Leitungsteam
Marion Morassi, Jürgen Lorenz, Axel Hausberg, Karl Heinen und Markus Hartmann

 

Download
Lebenslauf Hermann Weiser
Hermann Weiser Architekt der Kuranlagen in Formen des Bauhauses 1927, ausgeführt 1934 und 1936/38, bestehend aus großer Konzert- bzw. Trinkhalle mit drehbarer Orchestermuschel, kleiner Trinkhalle, Wandelgang mit Läden entlang der Kurgartenstraße, Kolonnaden, darin integriert neue Brunnenhalle.
Lebenslauf Hermann Weiser.pdf
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Die Planung und architektonische Oberleitung lag in den Händen von Dipl. Architekt Hermann Weiser, der auch schon für die ersten Anlagen im Kurpark, die im Jahre 1933 errichtet wurden, zeichnete und unter dessen Leitung die folgenden Bauabschnitte bis zum letzten entstanden sind.

Trotz der großen Zeitspanne vom Beginn der Modernisierung des Kurparks schließt alle Bauten ein großer Wurf zusammen.

Die Welt der Architekten steht Kopf:
Neugestaltung des Neuenahrer Kurgartens

war ein Großereignis
Die Bauten des Kurgartens Neuenahr stehen heute zum Abriss. 1927 jedoch war die Umgestaltung des Kurparks ein Großereignis für das Bad, für die Welt der Architekten und für die Epoche.
 
Weitsichtig und weltmännisch
Mit der Nutzung der Neuenahrer Heilquellen und der Gründung einer Kuranstalt Mitte des 19. Jahrhunderts begann für das untere Ahrtal eine beispiellose Karriere. Es entwickelte sich ein Heilbad von Weltruf, dass wirtschaftlich und baulich das Gelände zwischen den drei Dörfern Wadenheim, Hemmessen und Beul massiv veränderte. Als 1927 Neuenahr der Titel eines Bades verliehen wurde, standen auch einschneidende Umgestaltungen im Bereich des Kurparks an. Hierfür verlegte man die Oberstraße, die zuvor den Park teilte, so dass Quellen und Park eine Einheit bildeten. Weitsichtig und weltmännisch ging die Aktiengesellschaft das Unterfangen an, schließlich war man „wer“. Neuenahr, das Carlsbad der Rheinlande, bat im Rahmen eines Architektenwettbewerbs um kühne und moderne Entwürfe für die Neugestaltung von Trinkhalle, Konzertsaal, Wandelgang. 500.000 Reichsmark ließ man sich das neue Bauwerk kosten. 289 Entwürfe wurden eingereicht.
 
Hochkarätig und wegweisend
Schon die Besetzung der Jury mit zwei sehr renommierten Männern ihres Fachs spricht für den Ruf des Bades und sollte heute zum Innehalten anregen und einen überlegten Umgang mit der Bausubstanz erwarten lassen: die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sind von großen Umbrüchen im Bauen geprägt. Weg von einem historisierenden Stil, der gerne alte Epochen zitiert, zu einem anderen Denken des Bauens. Nur wie? Hier gab es unterschiedliche Empfehlungen. Mehrere der Preisrichter, die die KurAG gewann, gehörten zu einer sehr fortschrittlichen Avantgarde:
 
- Dem umtriebigen Ernst May (1886-1970) gelang es als Stadtbaurat von Frankfurt, in Zusammenarbeit mit den Koryphäen seines Faches, neue Architekturformen für fast alle Bereiche der privaten und städtischen Lebenswelt in seiner Stadt „salonfähig“ zu machen. Sein Herzensanliegen war der Wohnungsbau: in Zeiten eklatanter Wohnungsnot und wirtschaftlicher Unruhe nach I. Weltkrieg und Währungskrise, war er ein Verfechter eines „neuen Bauens“, das eine ausreichende Zahl von Bleiben und ein menschenwürdiges Umfeld zu schaffen trachtete. Er initiierte von 1925 bis 1930 in Frankfurt ein öffentliches Bauprogramm mit ca. 15.000 Wohnungen. Die fortschrittlichen Siedlungen und Bauten des Neuen Frankfurt zählen heute neben dem Bauhaus (Dessau), den Bruno Taut-Siedlungen (Berlin) und der Weißenhofsiedlung (Stuttgart) zu den bedeutendsten bauhistorischen Beispielen der Weimarer Zeit.
 
- Regierungsbaumeister Eugen Fabricius (1871-1960) ist ebenfalls Preisrichter in Neuenahr. Einige Kölner Bauten, u.a. am Bayenthalgürtel, für den Bankier Louis Hagen oder das „Palästinahaus“ begründeten seinen deutschlandweit hervorragenden Ruf. Seine Bauten sind der Reformarchitektur zuzurechnen, die einfach und natürlich zu sein trachtete – das Neuenahrer Kurhotel etwa atmet den Geist dieses Stils. Die Gebäude wirken schlicht und monumental, die Formen sind reduziert, oft nur angedeutet. Dabei spielt auch regionale Baukultur eine prägende Rolle. Dieser Stil bereitet den Boden für die klassische Moderne, ist aber nur eine Strömung von vielen Facetten. Fabricius ist Mitbegründer des Bundes Deutscher Architekten (BDA).
 
- und der Vorsitzende des Komitees, Hermann Muthesius, Architekt und Baubeamter, gilt gar als einer der Wegbereiter einer neuen Architektur.
Desweiteren gehören Generaldirektor Rütten und Bürgermeister Schubach dem Preisgericht an.
 
Modern und zukunftstauglich
Auch die ungewöhnlich hohe Zahl von den 289 eingereichten Entwürfen (einige von ihnen sind auf der HP der BI eingestellt) ist dem guten Ruf des Bades zu verdanken. „Gewinner“ (wie so oft bei solchen Ausschreibungen: erster-zweiter Platz) wurde Hermann Weiser, ein Meisterschüler des Architekten und Mitbegründer des Werkbundes Peter Behrens. Daher entspricht der Stil seiner Bauwerke auch der „Neuen Sachlichkeit“: die Formen sind sehr reduziert, geradlinig, schnörkellos. Eben „sachlich“. Die Wahl des Stils ist eindeutig ein Bekenntnis zur Moderne: jenseits des Kaiserreichs, jenseits überkommener gesellschaftlicher Hierarchien und Bauformen, für die stellvertretend Bauten wie das 1905 eingeweihte Kurhaus stehen. Wenngleich man einschränkend sagen muss, dass der ursprüngliche und prämierte Entwurf Weisers einen noch radikaleren und moderneren Charakter aufwies (siehe Bild): er hätte sich entlang der Oberstraße über Willibrordussprudel und Großer Sprudel erstreckt. Bei schönem Wetter hätte das Kurorchester auf den Flachdächern in den Park hinein musiziert.
 
Die Gebäude Konzerthalle, Ehrenhof (heute Lesesaal) und Wandelgang wurden in ihrer heutigen Form erst ab 1933 errichtet und dann immer wieder erweitert. Der späte Baubeginn hängt wohl mit der Weltwirtschaftskrise zusammen. Die einzigartige, drehbare Konzertmuschel steht, wie das ganze Ensembel, unter Denkmalschutz. Der Architekt schreibt selbst zu seinem Bauwerk: „Die Brunnenhalle muss also neben der Brillanz der kurtechnischen Einrichtungen die Vitalität der Naturkräfte offenbaren. Der Raum ist bewusst farblich schlicht gehalten, nur die Natur stellt die lebendigen Farben durch die Flora, durch den Wurzelhügel, auf dem die Akazie steht, die rauen einfassenden Steine, durch das Blau des Himmels, das durch die zahlreichen Deckenöffnungen sichtbar ist und alles wird durchleuchtet von dem Spiel der Sonnen, das diesem Raum das Signum gibt. Zahlreich sind die Variationen von Licht und Schatten, die die Sonne als Muster in den Raum zeichnet und ihn damit die schönste Gliederung gibt, die einem Raume mitgegeben werden kann. Es scheint mir wesentlich zu sein, dass in den Heilbädern den Gesundheit und Erholung suchenden Gästen das Erlebnis der Natur in reichen und vielseitigen Eindrücken aufgeschlossen wird und dabei spielt die Rolle, die der Baukunst zufällt, nicht unbedeutend mit“ (Quelle: Aufsatz Weisers, Archiv Nürnberg).
 
 
Würdigend und behutsam
Die zur Disposition stehenden Gebäude sind Zeugen einer großen Epoche des Bades, wie auch der Architekturgeschichte. Ihr Schöpfer, Hermann Weiser, ist ein wichtiger Vertreter eines Baustils, der architektonisches Schaffen bis heute prägt.
Die Bürgerinitiative „lebenswerte Stadt“ würde gerne sehen, wenn dieser Hintergrund bei einer Bewertung der Bauten entsprechend gewürdigt würde und bei einer Überarbeitung der Bauwerke ein Großteil von Konzert-, Trinkhalle und Wandelgang in ihrer ursprünglichen Eleganz wiederhergestellt und erhalten blieben. Ihre Architektur ist qualitativ hochwertig und einzigartig. Die Gebäude sind wertvolles baukulturelles Erbe, das es nicht zu entsorgen gilt, sondern das kreativ und phantasievoll für die Zukunft fit zu machen ist.
Die BI begrüßt ausdrücklich den Vorschlag der „Grünen“, ganz im weiten und zukunftsweisenden Geist der „Gründerväter“, das weitere Vorgehen mit einem Architekturwettbewerb zu verbinden.
 
Nächste Folge: der Architekt der Neuenahrer Anlagen: Hermann Weiser
Die Bürgerinitiative „lebenswerte Stadt“ setzt sich für eine geschichtsbewusste und achtsame Gestaltung der Stadt ein. Mehr Informationen über Projekte und Aktionen auf www.lebenswertestadt.jimdo.com. Auf der HP finden sich weitere Hintergrundinformationen zu Kurpark und Architekturwettbewerb, Entwürfe anderer Architekten und O-Töne Weisers.

Fotomaterial zum Artikel:
Quelle: Archiv Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Presseveröffentlichungen und Offizielle Mitteilungen

zum Denkmalschutz, Abriss und Planungen

Blick Aktuell:

 

Bauliche Neugestaltung der Kurliegenschaften

http://epaper.blick-aktuell.de/?issueid=11646&pageno=1

Mittwoch, 14. September 2016

 

Seite 4

 

Syposium über die Zukunft des Bad Neuenahrer Kurparks

http://epaper.blick-aktuell.de/?issueid=11646&pageno=1

Mittwoch, 14. September 2016

Seite 12

 

Architektur, Denkmalschutz und die kulturellen Wurzeln der Stadthttp://epaper.blick-aktuell.de/?issueid=11646&pageno=1

Mittwoch, 14. September 2016

 

Seite 5

 

Denkmalschutz und tiefgreifende Veränderungen schließen sich nicht aus
Mittwoch, 21. September 2016
Seite 14
Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft / Altenahr

Weiterentwickeln und Wertschätzen

http://epaper.blick-aktuell.de/?issueid=11646&pageno=1

Mittwoch, 21. September 2016
Seite 7
Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft / Altenahr
Die Zukunftsfähigkeit der Stadt

http://epaper.blick-aktuell.de/?issueid=11898&pageno=4#

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Seite 4

Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft / Altenahr

 

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